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Über die Entstehung von „Mein Wunscherbe“

 

Wäre ich eine Romanschriftstellerin und hätte das Buch »Mein Wunscherbe Teil 1 – Zwischen zwei Welten und Teil 2 – Im Land meiner Träume« geschrieben, so würde ich bald auf der Anklagebank sitzen und verurteilt werden. Mit welchem Strafmaß ich zu rechnen hätte, weiß ich nicht, aber die Anklage lautete sicher: Zu viel Fantasie!

Da kann ich froh sein, nur eine »biografische Schriftstellerin« zu sein, die ein Buch über ihre Mutter geschrieben hat. Über das Leben ihrer Mutter, über das unbekannte Leben ihrer Mutter.

Mein Wunscherbe -Zwischen zwei Welten-

Mein Wunscherbe -Zwischen zwei Welten-

Mein Wunscherbe -Im Land meiner Träume-

Mein Wunscherbe -Im Land meiner Träume-

Hörte ich eben die Frage: „…über das unbekannte Leben ihrer Mutter?“ Ja, Sie haben richtig gehört. Ich kannte nur einen Teil ihres Lebens. Auch meine Schwestern, die Verwandtschaft, Bekanntschaft, die Freunde, Nachbarn – alle kannten nur einen Teil ihres Lebens, die Wahrheit kannte niemand, außer meinem Vater. Beide haben niemals darüber vor anderen gesprochen.  Vielleicht hat ein Außenstehender etwas geahnt, aber gewusst hat niemand etwas. Das machte die »Sache« spannend. Aber vielleicht ist es besser, der Reihe nach zu erzählen.

Mein Vater war gestorben, das geschah vor vielen Jahren. Meine Mutter fühlte sich allein, einsam und kam auf die Idee, um auf andere Gedanken zu kommen, mich zu besuchen. Wir sahen uns nicht häufig, denn zwischen unseren Wohnstätten lagen mehr als 600 Kilometer. Obwohl ich kein inniges Verhältnis zu ihr hatte, freute ich mich auf sie. Sie blieb zwei Wochen. Diese zwei Wochen verbrachten wir in voller Harmonie und Entspanntheit. Wir schmiedeten sogar Zukunftspläne. Stundenlange Gespräche, Einigkeit. Schwierige Themen, über die wir nie ein Wort verloren hatten, wurden plötzlich mit einer Unbeschwertheit behandelt, die ich noch nie erlebt hatte. Diese neue Leichtigkeit bescherte mir den Mut zu einer Frage, die ich niemals gestellt hätte, wäre unser Miteinander so, wie ich es bis dahin kannte: Unnahbar, kühl.

 

 

 Deboo vor dem Kanchenjunga

Deboo vor dem Kanchenjunga

Ich stellte meine neugierige Frage, denn ich wollte endlich wissen, warum – solange ich denken konnte – das Foto von »Onkel Deboo«, der, lässig die Hände in den Hosentaschen an einer Straße im Himalayagebirge stand, in ihrem Schlafzimmer über dem Bett hing.

Die Nonchalance des Nachmittags war durch diese Frage plötzlich dahin. Schlagartig. Nein – meine Mutter wurde nicht böse oder gar wütend, sie wurde nervös. Eine Eigenschaft, die mir an ihr fremd war. Sie wirkte unsicher, sah mir nicht in die Augen, zerdrückte ihr gehäkeltes Spitzentaschentuch zwischen den Fingern und suchte nach Worten. Sie begann einen Satz, ließ ihn unvollendet sterben, begann einen neuen, dem dasselbe Schicksal widerfuhr. Schließlich brachte sie  einen vollständigen Satz zu Ende:

„Du kannst ja alles einmal selber lesen.“

„Selber lesen?“, fragte ich, „das verstehe ich nicht.“

„Es gibt da noch Briefe, Bilder und so etwas“, antwortete sie, nun ein wenig gereizt und kurz angebunden, „das kannst du dir ja mal ansehen.“

„Oh, das interessiert mich aber  sehr“, beteuerte ich, „kannst du es mir schicken, wenn du wieder zu Hause bist?“

„Nein!“  Das klang endgültig.

Sie fügte aber noch hinzu: „Wenn ich mal gestorben bin, dann kannst du alles bekommen, vorher nicht.“

Als ich das Paket schließlich nach ihrem Tod in den Händen hielt, in dicke Plastikfolie eingepackt, verklebt und den kleinen Zettel mit meinem Namen darauf entdeckte, trieb es mir die Tränen in die Augen, weil sie ihr Versprechen wahr gemacht hatte. Sie hatte an mich gedacht! Meine Schwestern interessierten sich nicht für dieses Stückchen Erbe. Allerdings dauerte es noch 15 Jahre, bis der richtige Zeitpunkt  gekommen war und ich es endlich öffnen konnte.

Zum Vorschein kamen verschiedene Dokumente, mehrere Fotoalben, Tagebücher und unzählige Briefe, von meiner Mutter, Onkel Deboo und meinem Vater. Sie waren nicht chronologisch abgelegt, sondern, das weiß ich heute, nach schönem Inhalt sortiert. Die Briefe meiner Mutter und von Onkel Deboo waren in englischer Sprache geschrieben, die ich gut lesen konnte. Es machte mich so neugierig, dass ich sofort begann, »querfeldein« zu lesen. Das ergab aber keinen Sinn, schürte nur mein Denken in eine besondere Richtung. Die Briefe meines Vaters konnte ich nicht entziffern, deshalb hatte ich sie vorerst nicht weiter beachtet. Seine Handschrift war winzig klein, sehr eng auf dünnem Luftpostpapier geschrieben. Die Schwierigkeit bestand allerdings darin, dass er keine lateinischen Buchstaben benutzte, sondern in Sütterlin schrieb. Vermutlich aus taktischen Gründen, denn ich scheiterte an der Entzifferung.

Ich suchte nach Möglichkeiten, die Schrift zu übersetzen. Meine Neugierde (oder war es Wissbegierde?) ließ mich auch mehrere Lösungen  finden aber schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als die Schrift selber zu erlernen.

v.l.n.r.: Prof. Alsdorf, Lieselotte Hachmann, Dr. Preyer, Ministerpräsident von Indien Nehru

v.l.n.r.: Prof. Alsdorf, Lieselotte Hachmann, Dr. Preyer, Ministerpräsident von Indien Nehru

Lieselotte Hachmann mit dem indischen Präsidenten Dr. Prasad

Lieselotte Hachmann mit dem indischen Präsidenten Dr. Prasad

Danach begann ich zu lesen und merkte sehr schnell, dass unsere Eltern nicht dem Bild sogenannter »normaler« Eltern entsprachen, obwohl wir ein scheinbar »normales« Leben geführt hatten. Gewiss war es nicht alltäglich, denn wer hat schon eine Mutter, die die Deutsch-Indische Gesellschaft gegründet, den Präsidenten und Ministerpräsidenten Indiens kennen gelernt hatte und allein acht Monate dieses riesige Land bereiste? Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass sie dies alles im Jahre 1956 machte. Zu einer Zeit, da die Frauen noch nicht gleichberechtigt waren und sie die Genehmigung ihrer Ehemänner für viele, heute ganz selbstverständliche Dinge und Tätigkeiten benötigten. Zu einer Zeit, da es noch kein Internet gab, keine geregelten Fluglinien bestanden, es kaum Frauen in Politik und  Wirtschaft gab. In einer Zeit, da die meisten Menschen noch immer mit dem Aufbau nach dem 2. Weltkrieg beschäftigt waren und  kaum jemand an Reisen in ferne Länder dachte.

 

 

 

Sunny und Dietlinde

Sunny und Dietlinde

In jener  Zeit hatte sie bereits Verbindung nach Indien, unterstützte in Hamburg indische Studenten, die sich einsam und verlassen fühlten. Sie versuchte, ihnen heimatliche Gefühle zu vermitteln, erreichte, diese Studenten zusammen zu führen, ihnen eine Gemeinde zu bieten, in der sie sich austauschen konnten und ihre Kultur und Traditionen den interessierten Deutschen zu erläutern. Sie veranstaltete aber auch Feste, um wiederum den Indern deutsche Traditionen näher zu bringen. Und – obwohl wir selber zu jener Zeit von der Hand in den Mund lebten – teilte sie das Wenige mit unseren indischen Besuchern.

Ich war die Jüngste der Familie, aber an diese Dinge erinnerte ich mich, war doch mein allererster Freund ein indischer Junge!

Stolz erfasste mich, als ich daran zurück dachte. Es schürte aber auch meine Neugierde und ich versuchte in Erfahrung zu bringen, ob diese Gesellschaft noch heute bestünde. Sie tat es. Mit der »Entdeckung« tat sich aber wieder eine neue, geheimnisvolle Spur auf, der ich – bis heute – noch nicht bis zum Ende gefolgt bin.

Vieles erklärte sich mit dem Lesen der Briefe und mir war klar, dass ich das, was ich dort erfahren hatte,  meinen Kindern und Geschwistern aus eigenen, ganz bestimmten Überzeugungen nicht vorenthalten durfte. Aus diesem Grund schrieb ich »Mein Wunscherbe«, denn es war mein »gewünschtes« Erbe.

Bevor ich mit dem Schreiben begann, erinnerte ich mich allerdings meiner »indischen Schwester«, der Tochter von Onkel Deboo. Wir nannten ihn »Onkel«, er war aber nicht mit uns blutsverwandt. Die Kontakte zur indischen Familie wurden immer von unserer Mutter gepflegt, nach ihrem Tode übernahm dies in lockerer Form meine älteren Schwestern. Nun war es aber unabdingbar, dass ich mich selber kümmerte. Und damit begann meine eigene Geschichte »indischer Art«.

Ich flog nach Indien, nach Kalkutta. Dort  lebt meine indische Schwester und dort lebte auch Onkel Deboo. »Auf den Spuren meiner Mutter in Kalkutta« habe ich daher einen Vortrag genannt, den ich als bebilderte LeseErzählung  präsentiere und die überall begeistert aufgenommen wird.

Dieses »Selber-Erleben« war wichtig,  um tatsächlich über die Spuren, die meine Mutter in Indien hinterlassen hat, schreiben zu können. Überall in Kalkutta traf ich darauf, aber auch in Santiniketan, der Stadt Tagores, die mindestens einen eigenen Vortrag wert ist.

Am erlebnisreichsten aber war der Botanische Garten in Kalkutta. Der Ort, an dem Onkel Deboo, der Botaniker war,  mit Hingabe als Leiter dieses wundervollen, riesigen Geländes gearbeitet und gewirkt hatte und so tragisch ums Leben gekommen war. Seit seinem Tod war niemand mehr von der Familie dort gewesen. Es war aber mein allergrößter Wunsch den Garten zu sehen! Ich wäre nicht nach Kalkutta geflogen, hätte ich nicht das Versprechen gehabt, in den Botanischen Garten gehen zu dürfen. Völlig unerwartet begleitete mich Onkel Deboos jüngste Schwester, die vermutlich bis heute nichts von dem Hintergrund des Besuches meiner Mutter weiß. Ich wollte nicht die Erste sein, die ihr davon berichtet, denn auch heute noch gibt es  Konventionen, die es einzuhalten gilt. Der Besuch wurde zu einer Visite der Vergangenheit. Unglaublich, unvergesslich und zu Herzen gehend.

Zurück in Deutschland erlebte ich, was meine Mutter damit gemeint hatte, als sie schrieb: „Alles ist zu klein, alles zu eng!“ Aber das Bestreben, »mein Buch« zu schreiben, war größer. Von der ersten bis zur letzten Minute brauchte es fünf Jahre. In dieser Zeit wandelte sich mein Leben.

Ein Verlag war schnell gefunden. Nach der Veröffentlichung zeigte sich bald, wie sehr die Leser Anteil nehmen. Emails, Briefe, Staunen, Fragen, manchmal Kopfschütteln, Bewunderung und immer wieder der Blick auf diese – fast – unglaubliche »Geschichte«, die meiner Mutter widerfahren ist und die im Buch »Mein Wunscherbe« erzählt wird.

Ihre

Dietlinde Hachmann

 

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